Wie knapp ist Gold wirklich?
Die Knappheit von Gold ist real, aber sie ist eine Schätzung. Niemand weiß genau, wie viel Gold bereits gefördert wurde. Die gängigen Zahlen liegen bei gut 200.000 Tonnen, aber es sind Hochrechnungen von Branchenverbänden, keine Messungen. Niemand weiß, wie viel noch im Boden liegt, zu welchem Preis sich der Abbau lohnt und was passiert, wenn sich die Fördertechnik verbessert.
Die jährliche Neuproduktion erhöht den Bestand um grob anderthalb bis zwei Prozent. Das ist wenig, verglichen mit dem, was Zentralbanken an neuem Geld schaffen. Aber es ist eben nicht null, und es ist vor allem elastisch: Steigt der Goldpreis stark, lohnen sich Minen, die vorher unrentabel waren, und das Angebot zieht nach. Die Knappheit von Gold ist eine ökonomische Bremse, keine feste Wand.
Für die meisten Zwecke war das über Jahrtausende gut genug. Gold hat Kriege, Reiche und Währungsreformen überlebt, und diese Geschichte ist ein Wert an sich. Wer Gold hält, muss keinem Protokoll vertrauen und keinem Entwicklerteam, sondern nur der Chemie und der eigenen Lagerung. Das ist die ehrliche Stärke von Gold, und sie bleibt.
Was heißt Knappheit bei Bitcoin?
Bei Bitcoin ist die Knappheit keine Schätzung, sondern eine überprüfbare Eigenschaft. Es wird nie mehr als 21 Millionen Bitcoin geben, und jeder kann mit einem eigenen Rechner nachprüfen, wie viele davon bereits existieren, auf die Einheit genau. Die Neuproduktion halbiert sich etwa alle vier Jahre, planmäßig, unabhängig vom Preis. Steigt der Bitcoin-Kurs auf das Zehnfache, entsteht trotzdem kein einziger Bitcoin mehr als vorgesehen. Diese Unelastizität des Angebots gibt es bei keinem Rohstoff.
Ein nützliches Denkwerkzeug dafür ist das Verhältnis von Bestand zu Neuproduktion, bekannt als Stock-to-Flow. Ich halte nichts davon, daraus Preisziele abzuleiten, und wer dir mit diesem Modell einen Kurs für nächstes Jahr ausrechnet, verkauft dir etwas. Aber als Härtetest taugt die Kennzahl: Sie macht sichtbar, wie schwer sich ein Gut verwässern lässt. In der Ausgabe Stock-to-Flow: Knappheit messen statt fühlen habe ich das durchgerechnet. Das Ergebnis in einem Satz: Gold ist hart, Bitcoin ist strukturell am wenigsten verwässerbar von allen Gütern, die je gehandelt wurden.
Der Unterschied ist also nicht knapp gegen unknapp. Der Unterschied ist geschätzte Knappheit mit elastischem Angebot gegen bewiesene Knappheit mit festem Angebot. Man kann der Meinung sein, dass die geschätzte Variante reicht. Aber man sollte wissen, dass es der Unterschied ist, um den es geht.
Schützt Gold oder Bitcoin besser vor Inflation?
Zuerst eine Unbequemlichkeit: Auf Sicht von Monaten schützt keines von beiden zuverlässig. Gold kann in einem Jahr mit hoher Teuerung fallen, Bitcoin erst recht. Wer im Januar kauft, um im Dezember gegen die Inflationsrate gewonnen zu haben, spielt ein Spiel, das beide Güter nicht spielen.
Auf lange Sicht sieht die Rechnung anders aus, und dafür muss man verstehen, wogegen man sich eigentlich schützt. Die offizielle Inflationsrate misst einen Warenkorb, und dieser Warenkorb wird laufend angepasst, gewichtet und um Qualitätseffekte bereinigt. Was sie nicht misst: wie stark die Geldmenge wächst und wer das neue Geld zuerst bekommt. Warum die gefühlte und die gemessene Teuerung so weit auseinanderliegen, habe ich in der Ausgabe Warum die Inflationsrate täuscht auseinandergenommen.
Gegen diese stille, dauerhafte Ausweitung der Geldmenge helfen Güter, die nicht beliebig vermehrbar sind. Gold hat diese Aufgabe über Jahrhunderte erfüllt und erfüllt sie weiter. Bitcoin tritt mit einem strengeren Angebotsversprechen an, hat aber erst gut fünfzehn Jahre Geschichte und trägt entsprechend mehr Unsicherheit im Preis. Meine Einschätzung: Es geht bei beiden nicht um Schutz vor der Inflationsrate des nächsten Jahres, sondern um Schutz vor der Verwässerung des nächsten Jahrzehnts. Auf dieser Zeitachse konkurrieren beide um dieselbe Rolle, und Bitcoin ist der Kandidat mit dem besseren Regelwerk und der kürzeren Bewährungszeit.
Verwahrung, Teilbarkeit, Transport: die praktischen Unterschiede
Abseits der großen Theorie entscheidet der Alltag, und hier trennen sich die beiden deutlich.
Verwahrung. Gold in nennenswerter Menge liegt im Schließfach oder im Tresor, und beides kostet laufend Geld und Vertrauen in einen Dritten. Bitcoin kann jeder selbst verwahren, ohne laufende Kosten, dafür mit Verantwortung: Wer seine Schlüssel verliert, verliert den Zugriff, und niemand kann helfen. Selbstverwahrung ist ein Können, kein Kauf.
Teilbarkeit. Eine Unze Gold lässt sich schlecht in Stücke für den Wocheneinkauf schneiden. Bitcoin ist auf acht Nachkommastellen teilbar, die kleinste Einheit ist ein Satoshi, ein hundertmillionstel Bitcoin. Für kleine Beträge ist das ein struktureller Vorteil, den Gold physisch nie haben wird.
Transport und Überprüfung. Gold über eine Grenze zu bringen ist teuer, meldepflichtig und riskant. Ob ein Barren echt ist, prüft ein Labor, nicht du. Bitcoin bewegt sich als Information: Eine Überweisung über einen beliebigen Betrag kostet Minuten, und ob die Coins echt sind, bestätigt das Netzwerk selbst. Dafür hängt Bitcoin an Strom, Hardware und funktionierender Kommunikation, während ein Goldbarren auch dann noch ein Goldbarren ist, wenn wochenlang der Strom ausfällt.
Konfiszierbarkeit. Physisches Gold, das ein Staat finden kann, kann ein Staat einziehen, das ist historisch mehrfach passiert. Bitcoin, dessen Schlüssel nur im Kopf oder auf einem gut versteckten Backup existieren, ist praktisch schwerer zu greifen. Dafür ist jede Bitcoin-Transaktion öffentlich einsehbar, während Gold diskret den Besitzer wechselt. Privatsphäre und Beschlagnahmeschutz verteilen sich hier anders, als beide Lager gern behaupten.
Bitcoin oder Gold: worauf es am Ende ankommt
Wenn du bis hier gelesen hast, ahnst du meine Antwort: Die Frage ist falsch gestellt, solange sie ein Entweder-oder verlangt. Gold und Bitcoin sind keine Feinde, sie sind zwei Generationen derselben Idee. Das eine ist die analoge, bewährte, träge Form von Geld ohne Gegenpartei. Das andere ist die digitale, junge, überprüfbare Form davon.
Trotzdem drücke ich mich nicht um eine Position. Ich halte die überprüfbare Knappheit für das stärkere Fundament. Bei Gold muss ich Schätzungen über Minen, Bestände und Fördertechnik glauben. Bei Bitcoin kann ich die Geldmenge selbst nachzählen, heute und an jedem Tag der nächsten hundert Jahre. Dass der Markt diese Eigenschaft noch mit hohen Schwankungen bepreist, ist für mich kein Gegenargument, sondern die Beschreibung eines Zeitpunkts: Bitcoin ist mitten in seiner Preisfindung, Gold ist damit fertig.
Was daraus für dich folgt, entscheidest du. Ich sage bewusst nicht, was du kaufen sollst, und schon gar nicht wann. Aber ich sage, welche Fragen die richtigen sind: Nicht „was schwankt weniger?“, sondern „welche Knappheit glaube ich, und wem muss ich dafür vertrauen?”. Wer diese Frage für sich beantwortet hat, braucht den Streit zwischen den Lagern nicht mehr.