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Bitcoin-Mythen: was dran ist und was nicht
Über Bitcoin kursieren seit Jahren dieselben Behauptungen. Manche stammen von Kritikern, die sich nie ernsthaft eingelesen haben. Andere stammen aus der Bitcoin-Community selbst und sind trotzdem falsch. Ich gehe die hartnäckigsten Mythen hier einzeln durch, so ruhig wie möglich. Wo ein Mythos einen wahren Kern hat, benenne ich ihn. Wo ich selbst unsicher bin, schreibe ich das dazu.
Ist es zu spät für Bitcoin?
Das ist die häufigste Frage, und sie steckt voller versteckter Annahmen. Die wichtigste: dass ein Bitcoin über 100.000 Dollar „zu teuer“ sei. Dahinter steht meist ein Missverständnis über Einheiten. Niemand muss einen ganzen Bitcoin kaufen. Ein Bitcoin besteht aus 100 Millionen Satoshis, und du kannst für 50 Euro genauso Bitcoin besitzen wie für 50.000. Der Stückpreis sagt nichts darüber aus, ob etwas günstig oder teuer bewertet ist. Eine Aktie für 10 Euro kann absurd überteuert sein, eine für 5.000 Euro günstig.
Die ehrlichere Version der Frage lautet: Ist das Wachstum vorbei? Das weiß niemand, auch ich nicht. Was sich sagen lässt: Wer „zu spät“ ruft, hat das bei 100 Dollar gerufen, bei 1.000, bei 10.000 und bei 100.000. Der Fehler war jedes Mal derselbe. Die Frage wurde am Kurs festgemacht statt an der Sache. Entscheidend ist nicht, wo der Preis heute steht, sondern ob Bitcoin ein Problem löst, das bestehen bleibt: die schleichende Entwertung staatlichen Geldes und die Abhängigkeit von Mittelsmännern. Solange dieses Problem existiert, ist die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt zweitrangig gegenüber der Frage, ob man die Sache verstanden hat.
„Zu spät“ ist außerdem eine bequeme Ausrede, sich nicht beschäftigen zu müssen. Genau deshalb halte ich sie für die teuerste Form der Faulheit. Ob du kaufst, ist deine Entscheidung. Aber verstehen, worum es geht, kannst du zu jedem Kurs.
Ist Bitcoin eine Blase wie die Tulpenmanie?
Der Tulpenvergleich ist das älteste Argument gegen Bitcoin, und er wird durch Wiederholung nicht besser. Die Tulpenmanie dauerte etwa zwei Jahre und erholte sich nie wieder. Bitcoin existiert seit 2009, wurde mehrfach für tot erklärt, ist um 80 Prozent eingebrochen und hat danach jedes Mal neue Höchststände erreicht. Eine Blase, die viermal platzt und viermal größer zurückkommt, verhält sich nicht wie eine Blase. Sie verhält sich wie ein volatiler Markt, der eine neue Anlageklasse bewertet.
Der wahre Kern des Mythos: Bitcoin hatte spekulative Übertreibungen, und es wird sie wieder geben. 2017 und 2021 waren Phasen, in denen der Preis der Substanz weit vorausgelaufen ist. Wer nahe am Hoch gekauft hat, brauchte Geduld und gute Nerven. Das unterscheidet Bitcoin aber nicht von Amazon, das nach 2000 über 90 Prozent verlor, bevor es zu einem der wertvollsten Unternehmen der Welt wurde. Übertreibung im Preis widerlegt nicht den Wert der Sache. Sie sagt nur etwas über die Psychologie der Käufer.
Interessant finde ich, warum der Blasenvorwurf so gut funktioniert: Er kommt oft von Autoritäten, Ökonomen, Bankern, Nobelpreisträgern. Warum kluge Menschen bei Bitcoin regelmäßig danebenliegen, habe ich in der Ausgabe Warum die meisten Menschen Bitcoin zuerst falsch einschätzen auseinandergenommen. Kurzfassung: Wer sein Berufsleben im alten System verbracht hat, bewertet das neue mit den Maßstäben des alten.
Verbraucht Bitcoin zu viel Strom?
Bitcoin verbraucht viel Strom. Das ist kein Mythos, das ist messbar und gewollt. Der Mythos steckt im Wort „Verschwendung“. Verschwendung setzt voraus, dass die Energie für nichts gut ist. Der Strom bezahlt aber etwas Konkretes: die Sicherheit eines Netzwerks, das ohne zentrale Instanz auskommt. Wer die Blockchain umschreiben wollte, müsste dauerhaft mehr Rechenleistung aufbringen als der Rest des Netzwerks zusammen. Genau das macht Angriffe unwirtschaftlich. Die Energie ist der Preis dafür, dass niemand um Erlaubnis fragen muss und niemand die Regeln nachträglich ändern kann.
Ob dir dieser Zweck den Verbrauch wert ist, ist eine legitime Wertfrage. Ich beantworte sie mit Ja, aber ich nehme niemandem übel, der sie anders beantwortet. Unehrlich wird die Debatte an zwei Stellen. Erstens beim Maßstab: Das bestehende Geldsystem mit Bankfilialen, Rechenzentren, Geldtransportern und Notenbanktürmen verbraucht ebenfalls enorme Ressourcen, nur verteilt und schlechter messbar. Zweitens beim Greenwashing der Gegenseite: Nicht jeder Miner nutzt Überschussstrom, und die Behauptung, Bitcoin sei per se ein Klimaretter, halte ich für ebenso überzogen wie die Verschwendungsthese. Wahr ist: Miner sind extrem preissensibel und suchen die billigste Energie, und das ist zunehmend Energie, die sonst niemand abnimmt, von abgeregeltem Windstrom bis zu abgefackeltem Erdgas. Das ist ein ökonomischer Mechanismus, kein moralisches Verdienst.