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Was Bitcoin ist, wenn man die Werbung abzieht

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Du weißt vermutlich schon, was Bitcoin technisch ist. Ein dezentrales Netzwerk, eine Blockchain, 21 Millionen Einheiten, alle zehn Minuten ein neuer Block. Diese Erklärung findest du tausendfach im Netz, und sie beantwortet die falsche Frage. Die interessante Frage ist nicht, wie Bitcoin funktioniert. Die interessante Frage ist, was Bitcoin bedeutet.

Meine Antwort, und das ist ein Standpunkt und keine neutrale Zusammenfassung: Bitcoin ist der erste ernsthafte Wettbewerber zum staatlichen Geld. Kein Tech-Investment. Kein Zahlungsmittel-Startup, das mit Visa konkurriert. Kein digitales Sammlerstück. Sondern ein Geldsystem, das neben dem bestehenden läuft und sich weder um Landesgrenzen noch um Notenbankbeschlüsse kümmert.

Das klingt größer als „digitale Währung“, und das ist Absicht. Wer Bitcoin als Zahlungsmittel bewertet, misst es an Kartenzahlungen und findet es langsam. Wer es als Aktie bewertet, sucht nach Cashflows und findet keine. Beide legen den falschen Maßstab an und kommen deshalb zu einem falschen Urteil. Ich habe darüber geschrieben, warum die meisten Menschen Bitcoin zuerst falsch einschätzen. Der Kern: Menschen übernehmen Urteile von Autoritäten, die selbst nie den passenden Maßstab angelegt haben.

Warum es Bitcoin überhaupt gibt

Bitcoin ist 2009 gestartet, mitten in der Finanzkrise. Das ist kein Zufall der Geschichte, sondern der Gründungskontext. Im ersten Block steht eine Schlagzeile über Bankenrettungen. Die Person oder Gruppe hinter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto hat kein schnelleres Zahlungsnetzwerk gebaut, sondern eine Antwort auf eine Frage, die vorher als erledigt galt: Muss Geld eigentlich vom Staat kommen?

Die meiste Zeit der Geschichte kam es das nicht. Gold war Geld, lange bevor es Notenbanken gab. Erst seit gut fünfzig Jahren, seit dem Ende der Goldbindung des Dollars 1971, gibt es ein System, in dem Geld ausschließlich durch Beschluss existiert. Es wird von Zentralbanken geschaffen, von Geschäftsbanken vervielfacht und von niemandem gedeckt außer dem Versprechen, dass es morgen noch angenommen wird.

Dieses System hat einen eingebauten Interessenkonflikt. Wer neues Geld schaffen kann, wird es tun, wenn die Umstände drängen. Finanzkrise, Pandemie, Kriegsfinanzierung, Haushaltslöcher: Die Gründe sind immer plausibel, und die Menge wächst trotzdem immer nur in eine Richtung. Die Kosten tragen die, deren Ersparnisse und Löhne langsamer wachsen als die Geldmenge. Das passiert nicht gleichmäßig, sondern in einer Reihenfolge, die systematisch dieselben begünstigt. Wer das genauer verstehen will: Ich habe eine Ausgabe darüber geschrieben, warum neues Geld systemisch nicht neutral ist. Der Cantillon-Effekt ist keine Bitcoin-Erfindung, er ist Ökonomie aus dem 18. Jahrhundert. Bitcoin ist nur die erste praktische Antwort darauf.

Warum hat Bitcoin überhaupt einen Wert?

Die häufigste Frage, und sie verdient eine ehrliche Antwort statt eines Ausweichmanövers.

Zunächst das Unbequeme: Bitcoin hat keinen inneren Wert im Sinne eines Cashflows oder eines industriellen Nutzens. Eine Aktie verbrieft Anteile an Gewinnen. Eine Immobilie bringt Miete. Bitcoin bringt nichts dergleichen. Wer daraus schließt, dass Bitcoin wertlos sein muss, sollte konsequent sein und dasselbe über Gold sagen. Auch Gold zahlt keine Dividende, und sein industrieller Nutzen erklärt nur einen Bruchteil seines Preises. Trotzdem bewahrt die Menschheit seit Jahrtausenden Vermögen darin auf.

Geld hat Wert, weil es knapp ist, weil es sich nicht beliebig vermehren lässt und weil genug Menschen sich darauf einigen, es als Wertaufbewahrung zu akzeptieren. Das ist bei jedem Geld so, auch beim Euro. Der Unterschied liegt in der Frage, wer die Knappheit garantiert. Beim Euro ist es ein Gremium, das seine eigenen Regeln ändern kann. Bei Gold ist es die Geologie. Bei Bitcoin ist es ein offenes Protokoll: 21 Millionen, überprüfbar von jedem, änderbar nur, wenn sich praktisch das gesamte Netzwerk einig wäre, sich selbst zu entwerten. Diese Einigkeit wird es nicht geben, weil niemand ein Interesse daran hat, das einzige harte Merkmal des Systems zu zerstören.

Bitcoin hat also Wert, weil es das erste digitale Gut ist, das absolut knapp ist, und weil eine wachsende Zahl von Menschen genau dafür bezahlt: für die Gewissheit, dass ihr Anteil nicht verwässert werden kann. Man kann das für eine schwache Grundlage halten. Dann muss man aber erklären, warum dieselbe Grundlage bei Gold seit Jahrtausenden trägt.


Nächste Ausgabe: Freitag.

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Ist Bitcoin Geld oder ein Investment?

Ehrliche Antwort: heute beides, und keins davon vollständig.

Als Alltagszahlungsmittel spielt Bitcoin in den meisten Ländern kaum eine Rolle, und ich sehe keinen Grund, das schönzureden. Kaum jemand bezahlt seinen Kaffee damit, und in einer Welt, in der Kartenzahlung funktioniert, gibt es dafür auch wenig Anlass. In Ländern mit kaputten Währungen sieht die Rechnung anders aus. Dort ist nicht die Kaffeezahlung das Problem, sondern die Frage, ob das Ersparte in fünf Jahren noch etwas wert ist.

Als Investment wird Bitcoin behandelt, seit es ETFs gibt und Konzerne es in ihre Bilanzen legen. Aber die Kategorie führt in die Irre. Ein Investment bewertet man nach erwarteten Erträgen. Bitcoin hat keine Erträge. Was es hat, ist eine These: Wenn ein relevanter Teil der Welt einen Teil seines Vermögens in einem Geld halten will, das niemand vermehren kann, dann ist der heutige Preis eine Momentaufnahme auf dem Weg dorthin. Wenn die These falsch ist, ist Bitcoin drastisch überbewertet. Diese Wette geht jeder ein, der Bitcoin hält, ob er es so nennt oder nicht.

Ich finde die dritte Kategorie am ehrlichsten: Bitcoin ist Sparen in einem anderen Geldsystem. Kein Versprechen auf Rendite, sondern ein Wechsel der Maßeinheit. Wer Bitcoin kauft und lange hält, sagt damit: Ich traue der Knappheit dieses Protokolls mehr als der Disziplin der Notenbanken. Das ist der ganze Trade, und er ist unbequem volatil. Der Preis schwankt heftig, weil der Markt noch klein ist im Vergleich zu dem, was er bewerten soll, und weil er rund um die Uhr weltweit gehandelt wird. Wer diese Schwankungen nicht aushalten kann oder will, sollte das ernst nehmen statt es wegzuhoffen.

Wer kontrolliert Bitcoin?

Die kurze Antwort: niemand, und das ist keine Floskel, sondern der Kern der Sache.

Die längere Antwort: Bitcoin wird von niemandem kontrolliert, aber von vielen betrieben. Zehntausende Rechner weltweit halten eine Kopie der gesamten Historie und prüfen jede Transaktion gegen dieselben Regeln. Miner ordnen Transaktionen in Blöcke und werden dafür in Bitcoin bezahlt. Entwickler schlagen Änderungen vor, die nur wirksam werden, wenn die Betreiber der Knoten sie freiwillig übernehmen. Kein Akteur in diesem Gefüge kann den anderen etwas diktieren. Es gibt keine Zentrale, die man anrufen, verklagen, kaufen oder abschalten könnte.

Das macht Bitcoin träge, und diese Trägheit wird oft als Schwäche erzählt. Andere Netzwerke sind schneller, flexibler, funktionsreicher. Stimmt alles. Aber bei Geld ist Trägheit kein Fehler, sondern die Eigenschaft, um die es geht. Ein Geldsystem, dessen Regeln sich schnell ändern lassen, ist genau das System, das es schon gibt. Der ganze Punkt von Bitcoin ist, dass sich seine Kernregeln praktisch nicht ändern lassen, von niemandem, auch nicht mit guten Argumenten und schon gar nicht unter Druck.

Regierungen können Bitcoin regulieren, besteuern und den Handel erschweren. Das passiert, und es wird weiter passieren. Was sie nicht können: das Netzwerk selbst abschalten oder seine Geldmenge ändern. China hat das Mining 2021 verboten, damals ein erheblicher Teil der weltweiten Rechenleistung. Das Netzwerk lief ohne Unterbrechung weiter. Das war kein Glück, sondern Design.

Was Bitcoin für das Geldsystem bedeutet

Hier wird es größer als Technik, und hier liegt der Grund, warum ich über Bitcoin schreibe.

Staatliches Geld hatte nie Konkurrenz. Man kann Euro in Dollar tauschen, aber das ist ein Wechsel zwischen zwei Systemen mit derselben Bauart: unbegrenzt vermehrbar, politisch gesteuert, an Banken gebunden. Einen Ausgang aus dieser Bauart gab es nicht, außer Gold, das sich schlecht teilen, schlecht prüfen und schlecht über Grenzen bewegen lässt.

Bitcoin ist dieser Ausgang, in digital. Zum ersten Mal kann jeder Mensch mit Internetzugang sein Erspartes in ein Geld umtauschen, dessen Menge kein Parlament und keine Notenbank beschließen kann. Ob viele Menschen das tun werden, ist offen. Aber allein dass die Option existiert, verändert das Spiel. Geld muss jetzt konkurrieren. Was das langfristig mit dem Verhalten von Staaten und Notenbanken macht, ist für mich die spannendste ökonomische Frage dieser Zeit. Ich habe sie in einer eigenen Ausgabe durchdacht: Was passiert, wenn unser Geld Wettbewerb bekommt.

Man muss diese Perspektive nicht teilen. Aber man sollte Bitcoin an ihr messen, nicht an der Frage, ob es Kartenzahlungen ersetzt. Ein Wettbewerber für staatliches Geld muss nicht schnell sein. Er muss unbestechlich sein, und zwar über Jahrzehnte.

Was Bitcoin nicht ist

Der Vollständigkeit halber, weil das Umfeld laut ist und die Abgrenzung zur Sache gehört.

Bitcoin ist nicht „Krypto“. Die zigtausend anderen Coins teilen mit Bitcoin die Technik, aber nicht die Eigenschaft, auf die es ankommt. Fast alle haben Gründer, Firmen, Stiftungen oder Vorab-Zuteilungen, also genau die zentralen Instanzen, deren Abwesenheit Bitcoin ausmacht. Ein Geld mit Geschäftsführung ist kein neutraler Standard, sondern ein Produkt.

Bitcoin ist kein Weg, schnell reich zu werden. Wer deshalb kommt, kauft erfahrungsgemäß teuer, verkauft billig und geht verbittert. Die Volatilität ist real, Verluste über Jahre sind möglich, und niemand kann dir sagen, wo der Preis nächstes Jahr steht. Wer es behauptet, verkauft dir etwas.

Und Bitcoin ist keine Weltanschauung, der man beitreten muss. Man kann das Geldsystem für reformbedürftig halten und Bitcoin trotzdem skeptisch sehen. Man kann Bitcoin besitzen und den Kult darum anstrengend finden. Ich halte beides für gesund.

Womit du weitermachen kannst

Wenn dich die technische Seite interessiert, ist das Whitepaper von 2008 immer noch die beste Quelle, neun Seiten, gut lesbar. Wenn dich die ökonomische Seite interessiert, also die Frage, was ein nicht vermehrbares Geld mit Sparen, Staaten und Politik macht, dann ist genau das mein Thema. Jeden Freitag nehme ich mir einen Aspekt davon vor und denke ihn zu Ende, mit klarer Meinung und mit Markierung an den Stellen, an denen ich mir nicht sicher bin.


Nächste Ausgabe: Freitag.

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